Zeitleiste der Tänze

 

 

Jahr(e) der Gänge und Tänze des Universellen Friedens

  

(Diese Zeitleiste mit Anmerkungen wurde mit Unterstützung des Ruhaniat-Archivars Tansen O’Donohoe und dem Zugang des Autors zum Ruhaniat-Archiv unter www.ruhaniat.org/index.php/archive-home erstellt. Hinweise und zeitliche Belege aus den Schriften und Tonaufnahmen von Samuel Lewis folgen der Zeitleiste.)

Neil Douglas-Klotz, Mai 2018.

 

 

Zeitleiste:

 

1.) Frühe 1930er: Samuel Lewis lernt Ruth St. Denis und Ted Shawn kennen. In Hollywood, Los Angeles besucht er ihre Denishawn-Schule und tanzt dort, während St. Denis darüber spricht, wie Tänze aus dem Akasha-Raum gezogen werden können. Samuel Lewis beginnt, Ruth St. Denis seine „Feen-Patin” zu nennen.

 

2.) Späte 1930er: Samuel Lewis schreibt „Spiritual Dancing“ („Spirituelles Tanzen“), als informellen Kommentar zu Hazrat Inayat Khans Schrift „Art: Yesterday, Today and Tomorrow“ (Vol. X, S. 155ff). Er bezieht sich darin auch auf seine Zeit in der Denishawn-Schule und schließt Ideen von Ruth St. Denis mit ein.

 

3.) März 1962: Samuel Lewis besucht das Grab von Selim Chishti in Fatehpur Sikri, Indien und empfängt eine Vision vom „Tanz des Universellen Friedens“, siehe den Briefausschnitt weiter unten. Dies teilt er zwei Jahre später Ruth St. Denis mit, und sie sagt, dass sie und Ted Shawn die gleiche Vision hatten, als sie dort waren.

 

4.) September 1963: Erste Gänge Paul Reps gezeigt. Murshid S.A.M. beginnt, seine Patentochter und erste Khalifa Saadia Khawar Khan per Briefwechsel darin einzuführen, als Vorbereitung für seine Rückkehr nach Pakistan und sein Vorhaben, sie dort Kinder zu lehren.

 

5.) Mai 1964: Murshid S.A.M. trifft sich für eine Stunde mit Ruth St. Denis und legt ihr seine Vision vom „Tanz des Universellen Friedens“ vor.

 

6.) Frühjahr 1967: Beginn des Gänge-Unterrichts an Samstagen mit den wenigen frühen Murids, wozu Mansur Johnson, Moineddin Jablonski und Fatima Jablonski gehören.

 

7.) 16. März 1968: Erste Tanzklasse für Murids in kleinem Rahmen. (Siehe Abschrift der Aufnahme vom 13. März 1968 und nachfolgende Briefe und Tagebucheinträge vom Mai 1968 über Unterricht in „Tanz des Universellen Friedens“.)

 

8.) 24. Juni 1968: Erste öffentliche Vorführung von Derwisch-Tänzen.

 

9.) Juli 1970: Die Samstagabend-Tanzklasse für Fortgeschrittene wird weitergeführt, dazu kommen öffentliche Tanzklassen am Sonntagnachmittag und Montagabend (verbunden mit Sufi-Lehren).

 

 

 

Anmerkungen und Hinweise:

1.) Frühe 1930er: Samuel Lewis lernt Ruth St. Denis und Ted Shawn kennen. St. Denis und Shawn gründeten 1915 die Denishawn-Schule in Los Angeles, nachdem sie von einer langen Welttournee zurück waren und St. Denis großen Zuspruch fand. Sie war um die 50, als Samuel Lewis sie kennen lernte, und Shawn 44. Samuel Lewis weist auf sie in seinem Buch „Spiritual Dancing“ (Kapitel 12: „Technique“, S. 57 der pdf-Version) hin:

 

„In der Gegend von Hollywood gibt es jedenfalls eine Lehrerin, deren Methoden auf Herzbewegung und Herzkonzentration gründen. Ihre Schülerinnen und Schüler lernen, mehr oder weniger bewusst, psychische Kräfte anzurufen. Sie nehmen die Philosophie mit dem Tanz selbst in sich auf. Ihre spirituellen Fähigkeiten entfalten sich, ohne dass etwas zu ihnen gesagt wird. Zugleich betonen sie mehr das interpretierende als das progammatische Tanzen. Für sie bietet das richtig verstandene interpretierende Tanzen dem Willen der Darstellenden vollen Spielraum und ermöglicht ihnen so den Selbstausdruck.“

 

St. Denis war die einzige Lehrerin in Los Angeles, die spirituelles Tanzen lehrte, oder genau genommen modernen Tanz, da sie und Shawn das Feld gewissermaßen erfunden hatten. Ihre Schülerinnen und Schüler umfassten die (später) berühmten Choreographen des modernen Tanzes Martha Graham, Doris Humphrey und Charles Weidman.

 

Samuel Lewis erwähnt in „Spiritual Dancing“ auch Ted Shawns männliche Tanztruppe, ebenfalls eine Neuerung. Aus Kapitel 10, „Sex and the Dance“, S. 49:

 

„Ted Shawn propagierte den Gedanken des männlichen Tänzers, obwohl von einem männlichen Tänzer nicht eher die Rede sein kann als von einem männlichen Esser oder einem männlichen Atmer. Etwas in uns, das mehr als der Körper ist, tanzt; der Körper ist nur ein Instrument. Aber wir können sagen, dass es männliche Tänzer und weibliche Tänzerinnen gibt, und definitive Yang-Bewegungen und Yin-Bewegungen.“

 

Shawn gründete seine männliche Tanztruppe 1933, nach der Beendigung der Ehe mit Ruth St. Denis und dem Ende der Denishawn-Schule (1932). Shawn war schwul, doch in jenen Zeiten war es gefährlich, wenn es bekannt wurde. Ruth St. Denis zog erst 1938 nach Long Island um, um am Adelphi College zu lehren, sie war also während der Zeit, auf die S.A.M. sich in „Spiritual Dancing“ bezieht, immer noch in Hollywood. 

 

2.) Späte 1930er: „Spiritual Dancing“ von Samuel Lewis geschriebenes Buch. Verschiedene Hinweise aus dem Manuskript erlauben es uns, seine Entstehung den späten 1930ern zuzuordnen. Die deutsche Tänzerin Mary Wigman und ihre Truppe (erwähnt in Kapitel 4, S. 21) war 1930 in den USA auf Tour. Nach SAMs Bemerkungen muss er ihren Tanz gesehen haben. In Kapitel 13 wird auf das Buch A Vision von William Butler Yeats aus dem Jahr 1937 verwiesen. Die bekannte Anspielung auf den „Stechschritt“ (engl.: goose-step) in Kapitel 4 (siehe unten) kann ein wichtiger Hinweis sein oder auch nicht, da der Ausdruck schon verwendet wurde, bevor Hitler an die Macht kam (1933). Doch der ganze Tenor der Einleitung plus der ironische Hinweis auf „reine arische Wissenschaft“ in Kapitel 12 (S. 56) weisen auf die Zeit nach der Weltwirtschaftskrise hin und bevor die USA 1941 in den 2. Weltkrieg eintraten.  

 

„Der Stechschritt bringt ein Maximum an Yang mit sich, praktisch bis zum vollständigen Ausschluss von Yin; metaphysisch sind Stechschritt und Krieg eins. Der Stechschritt ist ein Kriegsmarsch, genauso wie der wilde Tanz ein Kriegstanz ist (oder noch mehr). Er benutzt Stärke ohne Begrenzung oder Vorbehalt. Er bringt zerstörerische psychische und physische Kräfte mit sich. Um Krieg abzuschaffen, müssen wir kriegerische Bewegungen abschaffen.“ (Spiritual Dancing, Kapitel 4, „The Metaphysics of the Dance“, S. 20).

 

Im Archiv von Samuel Lewis fanden wir auch Ruth St. Denis’ bis dahin unveröffentlichtes Buch The Divine Dance, das 1934 verfasst und schließlich 1997 vollständig in Wisdom Comes Dancing von Kamae A. Miller herausgegeben wurde (deutsche Ausgabe: Weisheit kommt tanzend, 2002). Es folgen vergleichende Ausschnitte aus Schriften von Ruth St. Denis und von Samuel Lewis aus „Spiritual Dancing“.

 

Aus „The Divine Dance“ (dt.: „Der Göttliche Tanz”):

 

„Wir sind ‚Kinder Gottes’, und in dem Maße, wie wir diese spirituelle Tatsache verinnerlichen, wird sich unser Bild vom menschlichen Körper mit all seinen Bewegungen in unseren Köpfen verändern, und wir werden zu einer tieferen Zuversicht in unseren Herzen gelangen. Wir werden sehen, dass wir den ganzen Menschen in den Blick bekommen! Wir betrachten ein Kind Gottes, einen Strahl des Göttlichen Lichts, eine Idee des Einen Geistes.“ (Weisheit kommt tanzend, S. 42).

 

„Der Tanz der Zukunft wird sich nicht länger mit unbedeutenden körperlichen Geschicklichkeitsübungen befassen. Er wird sich harmonisch in den mitfühlenden und freudigen Rhythmen der Liebe bewegen und in innerer Stärke und Ausgeglichenheit den lebendigen Gesetzen der Wahrheit gehorchen. In den ewigen Lotosmustern von Liebe und Wahrheit folgt der Göttliche Tanz lobpreisend den Tanzschritten der Ewigkeit.“  (Weisheit kommt tanzend, S. 67).

 

Aus einem Vortrag von Ruth St. Denis vom 21. März 1936:

 

„Mit Hilfe des Tanzes und seiner unendlichen Möglichkeiten in Bezug auf Form, Rhythmus und Schönheit könnte eine neue Sichtweise der Gesellschaft erprobt werden, weil sich der Verstand und die Körperenergien in hohem Maße von der Erschaffung einer mechanischen, künstlichen Welt loslösen könnten. Diese künstliche Welt dient uns zur Zeit als Ersatz für die Entwicklung und Verwirklichung unserer Kräfte, so wie uns das Auto den Spaß am Gehen genommen hat.“ (Weisheit kommt tanzend, S. 100).

 

Aus „Spiritual Dancing“ (S. 63):

 

„Wir suchen nach einer spirituell-ästhetischen Wiederbelebung. Die Kultivierung von Ekstase und das Erreichen von Überbewusstsein sind Schritte auf diesem Weg. Wir sind hier, um unsere Menschlichkeit zu vervollständigen, und nicht, um sie zu vermeiden. Deshalb müssen wir die Idee der Heiligkeit des Menschen und des Körpers hoch halten. Institutionen, Themen, Formen und Ideen sind geringer als der Mensch, denn der Mensch wurde von Gott geschaffen, und diese Dinge sind von Menschen gemacht. So wie der Mensch wächst in Verständnis, Rücksicht und Mitgefühl, wird sich spirituelle Kunst entsprechend entwickeln. Das Erwachen des menschlichen Herzens muss zuerst an der Reihe sein.

 

Hier soll eine Warnung ausgesprochen werden; falls der Tanz oder eine andere Kunst für übersinnliche oder magische Zwecke eingesetzt wird, wird sich die Welt dadurch nicht weiterentwickeln, sondern zurückbewegen. Wenn jedoch das erhoffte spirituelle Erwachen eintritt, werden alle Künste eine höhere Stufe erreichen. Vielleicht werden dann Magie, übersinnliche Mächte, unbekannte Kräfte und Fähigkeiten als ziemlich natürlich erscheinen.

Wenn das Reich Gottes ins Herz des Menschen kommt, werden viele Wunder hinzugefügt.“

Samuel Lewis erwähnt Ruth St. Denis in seinen Briefen und Tagebüchern mehr als 120-mal als hauptsächliche Inspiration für seine Arbeit im spirituellen Tanzen und dem Tanz/den Tänzen des Universellen Friedens.

 

3.) März 1962: Die Vision vom ersten „Tanz des Universellen Friedens“.

 

„‚Ah Yaint, A Saint’ ging nach Fatehpur Sikri. Eilte zum Grab des heiligen Selim Chisti und machte die übliche Verbeugung und alles, inklusive Bakschisch [Hindi-Bezeichnung für ein Zwischending aus Trinkgeld und Almosen – Hrsg.]. Dann brachte mich ein Führer zu einem örtlichen Heiligen. Keine Amerikaner besuchen örtliche Heilige, aber Ah Yaint, A Saint tat es. Wir begrüßten und umarmten uns und ich gewann an Heiligkeit – Oh, ja! Als wir zum Schrein zurückkamen, kamen meine Freunde, die Sufi-Qawwalis, und sangen, und ich tanzte und tanzte – richtiges Derwisch-Zeug. Eine Menge versammelte sich, und als ich müde wurde, sang ich und die Qawwalis antworteten. Dann stand der Leiter auf und bat die Leute um Bakschisch dafür, dass sie dem amerikanischen Heiligen zusehen durften!“

(21. März 1962 an Leonora Ponti).

 

„Als ich Ruth St. Denis erzählte, dass ich in Fatehpur Sikri den ‚Tanz des Universellen Friedens’ getanzt hatte, sagte sie, Ted Shawn hatte das Gleiche dort dreißig Jahre vorher getan. Der ‚Tanz des Universellen Friedens’ wurde zurückgehalten, bis das Zeichen von Sri Surendra Ghose kommt. Dieser Tanz beruht auf tatsächlichen Ritualen lebendiger Religionen, nicht über sie, sondern von ihnen.“

(29. Juli 1966 an Haridas Chauduri).

 

„Drei Exemplare des Buches Miss Ruth wurden erworben, je eins für meine beiden Wohnungen und eins für die American Society for Eastern Art, die ihren Sitz hier in der Stadt hat. Ich wurde vor Jahren in dieser Stadt geboren, kurz nach Isadora Duncan und Harold Lamb, die beide Zeichen gesetzt haben, während ich unbekannt bin. In meinem letzten Gespräch mit Miss Ruth sagte ich: ‚Ich habe 1962 in Fatehpur Sikri mit dem Tanz des Universellen Friedens angefangen.’ Sie erwiderte: ‚Ted Shawn und ich haben dort 30 Jahre vorher das Gleiche getan.’ Ich glaube, wir verstanden einander vollkommen. Überhaupt keine physische Ähnlichkeit: ich bin kurz und stabil gebaut, und dennoch behandelte sie mich, besonders in ihren späteren Jahren, als wäre ich ihr eigener Sohn.

 

In einem Gespräch vor einigen Jahren sagte ich: ‚Heilige Mutter, ich werde die Welt revolutionieren.’ ‚Wie wirst du das tun?’, fragte sie nach. ‚Indem ich kleine Kinder lehre zu gehen.’ Sie richtete sich majestätisch zu ihrer vollen Größe auf und schlug mit der Faust auf den Tisch: ‚Du hast es, du hast es, du hast es!’

 

Jetzt lehre ich junge Erwachsene das Gehen. Ich habe ziemlich kleine Klassen, das ist wohl wahr, zu spirituellen, esoterischen und mystischen Tänzen, die alle erklärt werden können und nicht etwa Unsinn sind. Mein ganzes Leben war bestimmt, vielleicht auch vorbestimmt, von einer gemeinsamen Tournee von Miss Ruth St. Denis und Sufi Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan im Jahr 1911 (glaube ich). Ich habe von beiden gelernt, Inspirationen aus dem Universum zu ziehen, wenn auch das Einzige, das von mir publiziert wurde, und zwar von Freunden, das Buch ‚The Rejected Avatar’ ist.“

(6. Januar 1970 an Walter Terry, Autor des Buches Miss Ruth: The More Living Life, 1969 von Dodd Mead, New York herausgegeben).

 

4.) September 1963: Die Gänge fangen an, S.A.M. zeigt sie Einzelnen.

 

 „Mein Bruder Saladin war hier und erste Schritte wurden unternommen, jemand die Spiritualität des Gehens, Atmens und der Verwendung der Namen (oder Eigenschaften) Allahs zu zeigen. Dies ist wirklich der Kern von Tasawwuf, mit oder ohne Bücher, Vorträge oder Predigten.“

(6. September 1963 an Saadia Khawar Khan).

 

„Dein Murshid hat jetzt eine ganze Sammlung von Tasawwuf im Inneren, und auch Schriften, um sogar Kindern zu zeigen, wie sie von klein auf mit dem Zikr und mit Kalama gehen können. Dies muss nur veranschaulicht werden. Und wenn es gelehrt und ausgeübt wird, wird es keine Abgrenzung zu Islam, Tasawwuf oder irgend etwas geben, und selbst ein Kind wird direkte Weisheit aus eigener Fähigkeit haben.“

(3. November 1963 an Shemsuddin Ahmed).

 

„Ich habe die Gänge gelernt, und es gibt Gänge, die dem Karma unterliegen, und solche, die mit Rettung verbunden sind. Diese beiden Arten unterscheiden sich. Die Gänge, die Karma unterliegen, können analysiert, gelernt und gemeistert werden, oder sie können uns meistern. Die Gänge, die mit Rettung verbunden sind, können gelernt und gemeistert, aber nicht analysiert werden. Wenn du verliebt bist, könntest du dann den Gang analysieren, den du zur/zum Geliebten gegangen bist, oder den Gang, mit dem dein Kind zu dir kommt?

 

Aber diese Gänge gibt es, und sie werden im Osten gelehrt werden und an einige hier. Und entweder muss für diese Gänge ein Verständnis des Atems vorhanden sein, oder der Atem führt zum Verständnis der Gänge.“

(14. Januar 1964 in einem Brief an „Dear Heart“).

 

„So ist es mit dem Leben und der Liebe in der Spiritualität, dass ich entweder alles tue oder vollende, was Ruth S.D. wollte, auch mit meinem eigenen Körper. Das Training des letzten Jahres hat gebracht, dass ich mich hinknien und jäten oder umpflanzen kann ohne Schmerz und Pein und Mühe, und zwar für einige Stunden; das können Paul und Sharab bestätigen. Doch dies ist noch nicht einmal der erste Schritt. Und während die Menschen hier im Land die Weisheit des Körpers missachten, wird es bei meiner Rückkehr nach Asien möglich sein, allen möglichen Leute einfache Stellungen, Gänge und Übungen zu zeigen, die sowohl spirituell als auch körperlich begründet sind. [Hervorhebung hinzugefügt.] Und ich muss unbedingt Ruth S.D. besuchen, wenn ich wieder in Hollywood vorbeikomme, entweder auf der Rückreise oder ein andermal.

 

Ein Apotheker muss nicht unbedingt ein Arzt oder Weiser sein, und dieser hier erhebt nicht solche Ansprüche. Es gehört jedoch etwas Weisheit dazu, das esoterische Wissen der großen Religionen anzuwenden oder auch nicht, aber eine außergewöhnliche diagnostische Fähigkeit ist nicht nötig, um Gänge vorzuschlagen, die viele Unpässlichkeiten wieder in Ordnung bringen können.“

(16. Juni 1964 in einem Brief).

 

„Für deine Tante auch die letzten beiden für das Morgengebet. Für ihre Konzentration auf den heiligen Propheten könnte dieser Gang danach Erfolg oder Zuversicht bringen: 101 Schritte auf eurem seitlichen Hof mit Konzentration auf:

Allahumasalle a la Muhammad wa ’ala ali Muhammad kamasallaita a la Ibrahima.

 

Für dich 101 Schritte am Morgen nur mit: ‚Audhubillahiminashshatianir-rajim’. Der Gang deiner Tante ist mit Konzentration auf den heiligen Propheten und deiner ist für Schutz und Reinigung. Wiederhole dies auch, wenn du die Dargah von Mian Mir besuchst.

Was nun das Gehen betrifft: Bisher bin ich als verehrender Liebhaber gegangen, um die Gegenwart oder die Eigenschaften von Murshids und Heiligen und Allah selbst (Akhlak Allah) zu spüren, und jetzt muss dein Murshid als ein Murshid gehen, um sich einzustimmen und den Murids zu helfen, insofern Allah zustimmt und seinen Segen gibt. Dies wurde noch nicht versucht, doch jetzt gibt die gesegnete Majestät von Mekka Scherif [Prophet Mohammed] dies als Anleitung. Es soll entweder wenn dieser Brief fertig ist ausprobiert werden, oder wenn es lang ist während des Schreibens.“

(24. Juni 1966 an Saadia Khawar Khan).

 

5.) April/Mai 1964 Treffen mit Ruth St. Denis

 

„Ungefähr Anfang Mai war mir zugesagt, meine Feen-Patin Ruth St. Denis zu treffen. Sie war es, die ursprünglich Pir-O-Murshid Hazrat Inayat Khan in dieses Land gebracht hat, und sie erinnert sich sehr gut an ihn. Ich kann sie immer in ihrem Haus oder Studio in Hollywood besuchen, ob sie angekleidet ist oder nicht – mit anderen Worten, sie war wie eine wirkliche Mutter. Wenn sie auf Reisen war, hielten mich ihre Presseagenten und Sekretäre fern. Es war immer etwas spöttisch, doch ihr jetziger Sekretär wollte, das ich sie treffe. Das sollte keine Forderung sein – und war auch keine.“

(16. Juni 1964 in einem Brief).

 

„Am Samstag hatte ich dann eine Stunde mit meiner ‚Feen-Patin’ Ruth St. Denis. Sie war die Gastgeberin bei Pir-O-Murshids erster Reise in die Vereinigten Staaten und schaut immer noch mit großer Bewunderung auf ihn. Ohne sie zu kontaktieren, habe ich genau das getan, was sie möchte – Worte und Mitteilungen sind zwischen spirituellen Personen nicht nötig. In der Tat habe ich ein ganzes System der Erziehung ausgearbeitet, beginnend mit der frühen Kindheit bezogen auf ‚Alif’, eine Geschichte, die in einer von Pir-O-Murshids frühen Aufzeichnungen zu finden ist.“

(21. April 1964 an Sharab).

 

6.) Frühjahr 1967: Gänge-Klasse für frühe Murids beginnt.

 

„Diese Stechfliege trottet herum und lauscht auf Gott-Allah, und die jungen Leute glauben ihm und fragen, wie sie lernen können. Das Erste war, sie gehen zu lehren. Sam sagte zu Ruth St. Denis: ‚Mutter, ich werde die Welt revolutionieren.’ ‚Wie wirst du das tun?’ ‚Ich werde Kinder lehren zu gehen.’ Und während die alten Damen kicherten, lehrte ich sie zu gehen und zu atmen, und schon bald begannen sich Wunder zu ereignen.“

(25. Mai 1967 an Shamcher Beorse).

 

„Tatsächlich habe ich hier nur Platz für zwanzig, und wenn die Gruppen weiter wachsen, werde ich sie teilen. Samstagvormittag beruht auf Gehen. Wir haben ‚Geh-Yoga’ und es wirkt nicht nur beim Erwecken der inneren Bewusstheit, sondern hilft den Anhängerinnen und Anhängern auch, lange Zeit zu gehen ohne müde zu werden, und auch auf Berge zu klettern. Das Thema von Tasawwur wird erst im sechsten Jahr eingeführt, glaube ich. Aber ich kann nicht ganz nach der Gatha-Githa-Methode vorgehen, weil ich nicht alle Unterlagen dafür habe und will nicht mehr fragen. Menschen können nicht den Sufi-Pfad gehen und Gott ignorieren, doch genau das geschieht gerade.“

(1. September 1967 an Shamcher Beorse).


In Bezug auf diese frühen Klassen siehe auch die Hinweise am Anfang von Mansur Johnsons Buch Murshid: A Personel Memoir of Life with American Sufi Samuel L. Lewis (2006).

„Die große Neuerung, die diese Person eingeführt hat, sind die Derwisch-Tänze. Sie sind Zusammenstellungen aus Mevlevi-, Rifa’i- und Bedawi-Übungen. Da ich zu Zeiten Gast dieser verschiedenen Derwische war, gibt es vor Allah keinen Grund, diese Methoden nicht zu verwenden. Wir haben jedoch mehr als drei Jahre Gehen praktiziert vor dem Beginn in diese Richtung. [Hervorhebung eingefügt.] Die Gänge sind teilweise von Naqshibandi-Übungen abgeleitet und teilweise von den Richtlinien Hazrat Inayat Khans zu Tasawwuri. Weiter sollten ein paar traditionelle Übungen hinzugefügt werden, zu einem Wort, das leicht missverstanden werden kann. Es wurde ursprünglich hagg in Hebräisch und hajj in Arabisch geschrieben und umfasste Gehen sowohl geradeaus als auch im Kreis. Dies wird immer mit der Wiederholung einer heiligen Übung verbunden.“

(31. März 1969 an Pir Barkat Ali).

 

7.) 16. März 1968: Erste kleine Tanzklasse für Murids beginnt.

 

„Samstag Nachmittag [16. März 1968] wird meine Arbeit ein wenig komplizierter, weil ich zu den Gängen Elemente des spirituellen Tanzes hinzufügen möchte; nur für wenige Ausgewählte, die anderen können sitzen und zusehen. Ich möchte das nicht mehr als vier Leute lehren.... Es ist wichtig, diesen Anfang hinzubekommen. Der Sufi-Tanz wird sich auf die gleichen Grundlagen wie die Gänge stützen, insofern als die innere Praxis betroffen ist. Doch anstatt den Raum auf uns wirken zu lassen, werden wir auf den Raum wirken. Und das ist der Unterschied zwischen dem Tanz und der Pilgerreise.“

(Aufnahme vom 13. März 1968, veröffentlicht unter „Meeting Time with Murshid.“ auf http://www.ruhaniat.org/index.php/sam-media/sixty-four-talks).

 

„Nur Sam Lewis ist vor vielen Jahren von einer Meisterin in wahren Okkultismus eingeweiht worden. Er gab ihn wieder auf, doch angesichts von so viel Unsinn, der als ‚Okkultismus’ zur Schau gestellt wird, verwende ich ihn nun wieder, um den ‚Tanz des Universellen Friedens’ aufzubauen. Dieser ‚Tanz des Universellen Friedens’ kam aus dem Himmelsraum. Er wurde einmal in Fatehpur Sikri in Indien getanzt, und später habe ich erfahren, dass er von Ruth St. Denis und Ted Shawn dort in den Äther platziert wurde. Natürlich hat Sam keinen Zugang zu Akasha-Aufzeichnungen, das weiß doch jeder verdammte Narr, der sich als ‚Okkultist’ verkleidet.

 

Freitag bereite ich den ‚Tanz des Universellen Friedens’ vor, zunächst mit Hinweisen zum okkulten Tanzen. Diese Klasse ist klein und ausgewählt, doch sie wird zunehmen, wenn eine Reihe von Schülerinnen und Schülern, die gerade unterwegs sind, zurückkommen. Nach dem okkulten Tanz werden wir zu mystischem Tanz übergehen, dann zu zeremoniellem Tanz und schließlich zum Tanz des Universellen Friedens. Er ist vorzeigbar.“

(25. Mai 1968 an Gavain Arthur).

 

„Vor einigen Jahren sagte ich zu Miss Ruth St. Denis: ‚Mutter, ich werde die Welt revolutionieren.’ ‚Wie wirst du das tun?’ ‚Indem ich kleine Kinder lehre zu gehen.’ Ruth lehrte mich, Tänze aus dem Raum (Akasha) zu ziehen, und später erzählte ich ihr, den ‚Tanz des Universellen Friedens’ in Fatehpur Sikri ausgeführt zu haben. Es war der gleiche Tanz, den sie und Ted Shawn am selben Ort 30 Jahre früher ausgeführt hatten. Er beruht auf Ritualen der vier Hauptreligionen. Und jetzt bilde ich ein paar junge Leute darin aus und zeige ihnen, was unsere ‚überragenden, mehr als gleichen Leute’ von vornherein ablehnen, Gott segne sie.“

(8. Mai 1968 an Julie Medlock).

 

8.) 24. Juni 1968: Erste öffentliche Aufführung von Derwisch-Tänzen.

„Ich schreibe jetzt detaillierter vom Sonntagstreffen [mit Pir Vilayat am 23. Juni 1968] und sende Kopien an Paul Reps und den ortsansässigen Dr. Chaudhuri. Es gibt Dinge, die ich nicht mehr in der Hand habe, und ich möchte eher in umgekehrter Reihenfolge anfangen.

 

Eine Wohnung und Geld wurden Vilayat angeboten, und wenn manche dachten, Sam wäre neidisch, hat er nur laut gelacht. Vilayat, Gott segne ihn, ist durch die großen Prüfungen gegangen, die sein Vater vorgeahnt hatte. Er wurde, natürlich, zurückgewiesen von den ‚Liebe, Harmonie und Schönheit’-Leuten, die Vertrauen erwarten, aber keins geben. In gewissem Sinne gilt: ‚Oft sind deine Feinde diejenigen, die dir lieb und teuer sind.’ Es gibt Zeichen, die eindeutig sind und von den empfindsamen New-Age-Leuten aufgefangen werden. Er ist derjenige, der Liebe braucht, und diese Person verschenkt sie.

 

Ich kann nicht anders, als ihn zu akzeptieren, als Murshid oder auch als Pir-O-Murshid, und werde einfach tun, was er im Sinn hat. Wir haben schon die ersten Schritte getan, die alten Mysterien des Tanzes zu erneuern. Wir sind uns einig, Ruth St. Denis anzuerkennen, und es war eine Freude zu hören, wie jemand die Beziehung zwischen Pythagoreismus und den Mevlevis aufgezeigt hat. Es wurde auch erklärt, was hinter den astrologischen Mysterien steckt. Gavin Arthur war anwesend, doch hatte keine Ahnung, um was es ging. Aufnehmend, was von ihm kommt, fangen wir an, genau die Dinge zu tun, die er vorgeschlagen hat.

 

Wenn es irgendein Thema bei Vilayat gab, war es, dass Wissen aus Liebe geboren wird. Die Tatsache, dass dies all die jungen Leute beeindruckt hat, ist sehr bedeutsam. Er hat ein gutes Wissen von kosmischer Philosophie, das aus seinem Aufnehmen aller Religionen erwächst, und zwar auf einer viel höheren Stufe als die lokalen Anhänger der ‚universalen Religion’, die nicht in Kirchen, Tempeln, Pagoden, Moscheen überall auf der Welt Gott angebetet haben. Der universale Mensch war so offensichtlich.

 

Eine unserer nächsten Aufgaben wird sein, einen Teil seines Schmerzes zu entfernen. Dies scheint von Natur aus und intuitiv ein gemeinsames Vorhaben zu sein. Menschen, die Begeisterung und Applaus entgegennehmen, erreichen keine Tiefe. Hier wurde jedoch Tiefe erreicht. Dies hier sind nicht die Gefühlsbetonten der alten Generation, die nach Wörtern greifen. Dies sind Menschen des neuen Zeitalters, in der Regel mit indischen ‚Seelen’, die zurück auf der Erde sind, um ihre uralte Aufgabe und ihr Wachstum fortzusetzen.“

(25. Juni 1968 an Shamcher Beorse).

 

Ein weiterer Bericht über das Treffen mit Pir Vilayat vom 23. Juni 1968 findet sich in Mansur Johnsons Buch Murshid, S. 73-75.

 

9.) Juli 1970: Die Tänze und Gänge entwickeln sich weiter.

 

„Esoterische Wissenschaften sind sehr schwer zu vermitteln. Elektrischer Strom verhält sich ganz unterschiedlich, wenn er durch Gummi, Stahl, Nylon, Seide, Kupfer usw. geleitet wird. Blockaden des Atems können bei Menschen in jedem Teil des Körpers auftreten, von der Hypophyse bis zu den Füßen. Gestern Abend hatten wir sechs Einheiten in Derwisch-Tanz, drei in Yoga-Tanz und zwei mit Gängen. Statt 15 Minuten Lesung – und mehr Zeit hat das Lesen nicht gebraucht – dauerte das ganze Treffen mindestens 2½ Stunden. Der Murshid-Guru muss als KONDENSATOR-TRANSFORMATOR wirken. Dies ist sehr wichtig und es funktioniert.“

(5. Dezember 1968 an Paul Reps).

 

„Ich war in Fatehpur Sikri und habe dort die erste Phase von etwas vorgeführt, das vielleicht Tänze des Universellen Friedens genannt werden kann. Im Moment arbeiten wir hauptsächlich an der Modernisierung von Derwisch-Tänzen, doch nach und nach kommen auch mantrische Tänze dazu. Ich wünschte, du könntest einmal als Gast dabei sein. Meine fortgeschrittene Tanzklasse trifft sich immer am Samstagabend und eine viel größere Gruppe am Sonntagnachmittag. Diese Gruppe wird hoffentlich bald geteilt, denn sie ist sehr groß. Wir führen am Montagabend, der Sufi-Lehren gewidmet ist, auch Derwisch-Tänze vor.“

(15. Juli 1970 an Badruddin Daud).

 

Ein paar kurze Schlussbemerkungen:

 

1. Am Anfang steht die Ausrichtung auf den inneren Raum und das innere Gefühl. Eine Vision kommt als Gnade, nicht als Reaktion auf eine Zuhörerschaft. 30 Jahre lang, nachdem Murshid S.A.M. erstmals  Ruth St. Denis begegnet war, ließ er diese Neuschöpfungen der Gänge und Tänze in sich reifen.


2. Sowohl bei Gängen als auch bei Tänzen fing Murshid S.A.M. klein an, mit nur wenigen Teilnehmenden. Die Gänge waren eine Vorbereitung für die Tänze und begannen drei bis fünf Jahre vorher. S.A.M. sah die Gänge ursprünglich als eine Entwicklung für die Kindererziehung an, verbunden mit seiner ersten Khalifa in Pakistan, Saadia Khawar Khan.

 

3. Er stellte sich die Tänze nicht als etwas Großes und Beeindruckendes vor, sondern als Weiterentwicklung in einer Gänge-Klasse für nur ein paar Murids. Nach seiner eigenen Aussage fand die erste Tanz-Klasse am 16. März 1968 statt. Diese kleine fortlaufende Klasse erwähnt er mehrfach in seinen Briefen im Frühling 1968. Ein größeres öffentliches Ereignis fand ein paar Monate später, am 24. Juni, statt, als er die ersten Derwisch-Tänze leitete, doch dieses Ereignis erwähnt er in seinen Briefen oder Tagebüchern nie in Bezug auf die Tänze.

 

4. Wie S.A.M. in der Aufnahme vom März 1968 sagt: „Es ist wichtig, diesen Anfang hinzubekommen. Der Sufi-Tanz wird sich auf die gleichen Grundlagen wie die Gänge stützen, insofern als die innere Praxis betroffen ist. Doch anstatt den Raum auf uns wirken zu lassen, werden wir auf den Raum wirken. Und das ist der Unterschied zwischen einem Tanz und einer Pilgerreise.“ Die Tänze wirken also von innen nach außen, nicht von außen nach innen.

 

Neil Douglas-Klotz, Mai 2018

 

(Übersetzung: Hans-Peter Baum)

 

 

 

 

 

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